In Islandmagee zeichnet das Meer die Konturen einer Halbinsel in Antrim. Doch hinter dieser Küstenlandschaft nördlich von Belfast verbirgt sich eine Geschichte, von der Postkarten nur selten erzählen. Im Frühjahr 1711 werden acht Frauen beschuldigt, ein junges Mädchen durch Hexerei gequält zu haben. Ihre Namen wandern aus Gesprächen in der Nachbarschaft in Zeugenaussagen und schließlich vor das Gericht in Carrickfergus. Aus Angst wird ein Verfahren. Aus einem Ruf ein Beweis.
Der Hexenprozess von Islandmagee gilt allgemein als Irlands letzter Hexenprozess. Die Bezeichnung fasst jedoch zwei getrennte Verhandlungen und neun Verurteilungen zusammen: jene von acht Frauen im März und jene eines Mannes im September. Um diesen Fall zu verstehen, muss man die Bilder von Kesseln hinter sich lassen und auf eine Gemeinschaft, ihre Überzeugungen und die Art blicken, wie sie ihre Schuldigen bestimmt.
Die Ereignisse spielen sich im heutigen Nordirland an der Ostküste des County Antrim ab. Das von den Forschern Andrew Sneddon und Victoria McCollum geleitete historische Projekt Islandmagee Witches 1711 beschreibt eine kleine presbyterianische Gemeinschaft schottischer Herkunft. Dieser Kontext ist wichtig: Die Beteiligten verfügten über eine religiöse Sprache, um Unglück, Krankheiten und Verhaltensweisen zu deuten, die sie verstörten.
Es handelt sich also weder um ein justizgeschichtliches Überbleibsel von Samhain noch um ein keltisches Ritual, das zu einem Prozess wurde. Die Verbindung zu Halloween in Irland besteht heute in Erinnerung und Erzählung. Die wichtigsten Verhandlungen von 1711 fanden im Frühjahr und am Ende des Sommers statt, nicht in der Nacht zum 31. Oktober.
Der Fall nimmt Gestalt rund um ein Haus in Islandmagee an, das als Knowehead House bekannt ist. Ann Haltridge, die Witwe eines presbyterianischen Geistlichen, stirbt im Februar 1711. Berichte bringen ihre letzten Monate mit vermeintlich übernatürlichen Störungen in Verbindung. Nach ihrer Beerdigung trifft ihre Nichte Mary Dunbar ein, eine gebildete junge Frau von achtzehn Jahren.
Was danach geschieht, ist durch Zeugenaussagen überliefert, die in einer Welt verfasst wurden, die an das Wirken von Geistern glaubte. Dass diese Texte außergewöhnliche Phänomene schildern, belegt selbstverständlich nicht deren Realität: Sie dokumentieren zunächst, was ihre Verfasser nach eigener Aussage gesehen hatten und was sie zu verstehen glaubten.
Zeugen berichten von Krämpfen, Trancezuständen, beunruhigend empfundenen Worten oder Gesten sowie vom angeblichen Ausstoßen von Gegenständen durch den Mund. Mary erklärt, von Frauen angegriffen zu werden, die ihr als Erscheinungen begegneten. Nach dieser Logik konnte eine Angeklagte als verantwortlich gelten, ohne sich körperlich in der Nähe der jungen Frau aufzuhalten.
Das ist einer der verstörendsten Mechanismen des Falls: Wie lässt sich eine Tat widerlegen, die die Anklage in der unsichtbaren Welt verortet? Die räumliche Entfernung reicht nicht mehr zur Entlastung. Die Aussagen zeigen weniger eine Untersuchung materieller Tatsachen als den Versuch, eine Geschichte von Besessenheit rechtlich verwertbar zu machen.
In einer von der Ulster University veröffentlichten Darstellung seiner Forschung vertritt Andrew Sneddon die Deutung einer vorgetäuschten Besessenheit, die Mary ermöglicht haben könnte, die Grenzen ihres vorgeschriebenen Verhaltens zu überschreiten und eine neue Stellung in der Gemeinschaft zu gewinnen. Es handelt sich um eine begründete historische Lesart, nicht um ein wiedergefundenes Geständnis von Mary Dunbar.
Diese Nuance ist entscheidend. Aus drei Jahrhunderten Entfernung wäre es ebenso unsicher, die Berichte in eine eindeutige medizinische Diagnose zu übersetzen. Man kann die Glaubwürdigkeit analysieren, die einer jungen Frau aus gutem Hause entgegengebracht wurde, ebenso wie die Interessen der verschiedenen Beteiligten; man kann ihr auf Grundlage dieser Beschreibungen allein jedoch nicht verlässlich eine bestimmte Krankheit zuschreiben.
Die von Andrew Sneddon und Shannon Devlin herausgegebene Edition der Prozessdokumente nennt folgende Namen: Catherine McCalmond, Janet Liston, Elizabeth Sellor, Janet Carson, Janet Main, Janet Millar, Janet Latimer und Margaret Mitchell. In den alten Quellen variieren die Schreibweisen; das erklärt manche Unterschiede in modernen Darstellungen.
Janet Liston und Elizabeth Sellor waren Mutter und Tochter. Nicht alle Angeklagten kamen aus demselben Dorf: Der Fall betrifft Islandmagee und die Umgebung. Ihre Namen zu verwenden, statt sie in einer anonymen Gruppe aufgehen zu lassen, erinnert daran, was eine touristische Formel ausblenden kann: Menschen mussten sich verteidigen – mit ihren familiären Bindungen und ihrem Platz in der Gesellschaft.
Sneddons Arbeiten rücken arme Frauen in den Blick, von denen einige mit einer Behinderung lebten, sowie Verhaltensweisen, die nicht den damaligen Normen für Frauen entsprachen. Trinken, Fluchen, ein als unansehnlich empfundenes Äußeres oder ein schlechter Ruf konnten Verdacht nähren. Diese Elemente sind keine Beweise für Schadenszauber; sie helfen zu verstehen, warum manche Namen leichter zur Zielscheibe von Anschuldigungen wurden als andere.
Die 2024 veröffentlichte Neuauflage von Possessed by the Devil ordnet den Prozess in eine Gemeinschaft in der Krise ein. Es geht um mehr als den bequemen Gegensatz zwischen einer leichtgläubigen Menge und einigen Opfern: Es geht auch um die Verteilung von Vertrauen. Wer verdient es, dass man ihm glaubt? Wer muss zunächst das schlechte Bild überwinden, das andere von ihm haben?
Die acht Frauen erscheinen am 31. März 1711 vor dem Schwurgericht in Carrickfergus, auf Grundlage des irischen Hexereigesetzes von 1586. Sie bestreiten die Vorwürfe. Die Dokumente zeigen, dass die Richter den Fall nicht einheitlich beurteilten: Anthony Upton drängte auf Freispruch, während James MacCartney die Verurteilung befürwortete.
Diese Meinungsverschiedenheit bricht mit dem Bild einer Vergangenheit, in der niemand Zweifel gehegt hätte. Der Glaube an ein mögliches Wirken des Teufels bedeutete nicht zwangsläufig, die angezeigten Personen für schuldig zu halten. Es ging auch um den Zusammenhang zwischen den Mary zugeschriebenen Erscheinungen und der Verantwortung der Frauen, die sie benannte.
Die Jury spricht sie dennoch schuldig. Das Urteil umfasst ein Jahr Gefängnis und viermaliges Ausstellen am Pranger. Dieses Instrument öffentlicher Bestrafung fixiert den Körper und setzt die Verurteilte den Blicken der Gemeinschaft aus. Die Demütigung ist Teil der Strafe; sie darf nicht als bloße Formalität dargestellt werden, nur weil es sich nicht um ein Todesurteil handelte.
Die acht Frauen wurden in diesem Fall also nicht auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Sie als bei lebendigem Leib verbrannt darzustellen, würde ein allgemeines Bild von Hexenverfolgungen an die Stelle des tatsächlich dokumentierten Urteils setzen.
Die Inhaftierung der Frauen beendet die Anschuldigungen nicht. Mary beschuldigt anschließend William Sellor, den Ehemann von Janet Liston und Vater von Elizabeth Sellor. Sie stirbt wenige Wochen nach dem ersten Prozess. William wird seinerseits am 11. September 1711 verurteilt: Der Tod der jungen Frau macht den Vorwurf zu einem Kapitalverbrechen.
Die Veröffentlichungen beschreiben sein Schicksal nicht alle mit derselben Gewissheit. Die Website des historischen Projekts und die jüngste Dokumentenedition sprechen von einer wahrscheinlichen Hinrichtung. Diese Vorsicht sollte beibehalten werden, statt ein Datum oder die Umstände seines Todes zu erfinden. Auch das weitere Schicksal der acht Frauen ist nur unzureichend dokumentiert.
Immer wieder taucht eine Anekdote auf: Eine der Verurteilten soll durch die am Pranger geworfenen Gegenstände ein Auge verloren haben. In seiner von der Social History Society veröffentlichten Analyse identifiziert Sneddon dieses Detail als eine späte Ergänzung, die im 19. Jahrhundert verbreitet und unter anderem von W. B. Yeats aufgegriffen wurde. Es sollte daher nicht als durch die Prozesszeugnisse belegte Tatsache erzählt werden.
Die lokale Erinnerung hat die Angeklagten auch mit dem Rocking Stone verbunden, einem Stein, um den sich Geschichten von nächtlichen Tänzen und in den Fels gedrückten Spuren gebildet haben. Diese Überlieferungen sagen etwas über das lange Fortleben der Erzählung aus; sie beweisen nicht, dass die Frauen die Handlungen begangen haben, die man ihnen zuschreibt.
Islandmagee steht für die letzten bekannten irischen Strafverfolgungen nach dieser speziellen Gesetzgebung. Das bedeutet weder, dass Irland Hexenverfolgungen vergleichbaren Ausmaßes erlebte wie einige Regionen Europas, noch, dass das Land frei von Anschuldigungen der Magie war.
In seiner wissenschaftlichen Studie Witchcraft belief and trials in early modern Ireland betont Sneddon die Seltenheit der Strafverfolgungen, zeigt jedoch zugleich, dass Anschuldigungen weiter verbreitet waren, als lange angenommen wurde. Zwischen Glauben, Denunziation und Verurteilung zu unterscheiden, verhindert, dass eine justizgeschichtliche Besonderheit zu einem vereinfachenden Bild eines ganzen Landes wird.
Das Carrickfergus Museum im Museum and Civic Centre, 11 Antrim Street, ist ein sinnvoller Ausgangspunkt. Das Projekt Islandmagee Witches verfügt dort über einen permanenten Bereich, der aus den Ausstellungen von 2023 und 2024 hervorgegangen ist und unter anderem digitalisierte Dokumente sowie interaktive erzählerische Elemente umfasst.
Die Website des Forschungsteams unterscheidet klar zwischen diesen früheren Sonderausstellungen und der permanenten Einrichtung. Ebenso wichtig ist die Unterscheidung zwischen Archiv und Vermittlungswerken: Animation, Graphic Novel und Videospiel sind künstlerische Aufbereitungen der Geschichte, keine Bildzeugnisse aus dem Jahr 1711. Erkundigen Sie sich vor Ihrem Besuch beim Museum nach Zugangsbedingungen und verfügbaren Angeboten.
Für die Weiterfahrt nach Islandmagee sollten Sie eine jüngere Änderung berücksichtigen. In einer Mitteilung vom 28. April 2026 erklärt der Mid and East Antrim Borough Council, dass sich der Gedenkstein nun im Gemeinschaftsgarten von Islandmagee an der Ballystruder Road unter einer Skulptur mit dem Namen Willow befindet. Ältere Hinweise, die ausschließlich zum Gobbins Visitor Centre führen, reichen daher nicht mehr aus.
Dieser Garten ist ein von Freiwilligen gepflegter Gemeinschaftsort. Man besucht ihn, um zu verstehen und innezuhalten, und sollte dabei die Gepflogenheiten des Orts respektieren. Die Erinnerung an die neun Verurteilten ist hier Teil einer bewohnten Landschaft, nicht einer für Besucher verlassenen Kulisse.
Die von RTÉ für den 29. Oktober 2026 angekündigte Dokumentation Dr Marie Cassidy Investigates Ireland’s Last Witch Trial rückt den Fall erneut ins Licht. Die ehemalige Gerichtsmedizinerin trifft darin Historiker und Fachleute, um die Anschuldigungen und Deutungen der berichteten Phänomene zu hinterfragen. Die Ausstrahlung bietet Anlass, sich erneut mit den Akten zu befassen; sie bedeutet nicht die Entdeckung eines bislang unbekannten Prozesses.
In ihrer von RTÉ veröffentlichten Vorstellung des Films betonen Regisseurin Edel O’Mahony und Drehbuchautorin Andrea McCartney die angeklagten Frauen und ihren Widerstand gegen die Vorwürfe. Das macht diese Geschichte auch so nahbar: Hinter den Erscheinungen und Besessenheitsgeschichten versuchten Stimmen, Gehör zu finden.
Das von Andrew Sneddon und Shannon Devlin herausgegebene Korpus Documents from the Trial of the “Islandmagee Witches” at Carrickfergus Assizes, County Antrim, Ireland, 1711 versammelt Aussagen, Korrespondenzen, einen frühen Bericht und Zeitungsartikel, ergänzt durch Reproduktionen. Die Zeugnisse bleiben kontextgebundene Quellen: Sie geben Zugang zu den Anschuldigungen und Denkweisen der Zeit, nicht zu einer neutralen Beobachtung der Tatsachen.
Für eine umfassende Untersuchung veröffentlichte Andrew Sneddon 2013 Possessed by the Devil, 2024 folgte eine überarbeitete und erweiterte Ausgabe. Das wissenschaftliche Projekt Witches of Islandmagee, der Beitrag der Social History Society von 2019 und die Veröffentlichungen der Ulster University ermöglichen es, die Entwicklung dieser Forschung nachzuverfolgen. Die Besuchsinformationen wurden anhand der am 29. Oktober 2026 verfügbaren offiziellen Quellen überprüft.