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Am Mittwoch, den 23. August 2006, wurde einer der meistbeachteten irischen Filme des Jahres in Frankreich veröffentlicht: „Der Wind erhebt sich“ vom engagierten Regisseur Ken Loach. Der mit der Goldenen Palme beim Filmfestival von Cannes ausgezeichnete Film spielt im politisch turbulenten Irland der 1920er Jahre. Ken Loach zeichnet mit großer Genauigkeit den Verlauf des irischen Bürgerkriegs nach, der parallel zum Kampf gegen den britischen Imperialismus stattfand, und liefert so ein eindrucksvolles Porträt Irlands in den 1920er Jahren, das auch die heutige geopolitische Lage der Insel erklärt.

Der Wind erhebt sich
Irland, 1920. Die gesamte Insel steht unter englischer Besatzung. Die irische Bevölkerung leidet unter britischer Unterdrückung, geprägt von Diskriminierung, Gewalt und Armut.
Für eine Gruppe von Bauern ist das unerträglich. Angesichts der Ungerechtigkeiten und Gewalttaten schließen sie sich zusammen, um eine Freiwilligenarmee zu bilden. Ihr Ziel: den gefürchteten Blacks & Tans entgegenzutreten – britische Truppen, die in großer Zahl per Schiff entsandt wurden, um die republikanischen Bestrebungen des irischen Volkes zu unterdrücken.
Der Kampf tobt und führt schließlich zum Unabhängigkeitskrieg – ein Krieg, der später im Bürgerkrieg mündet.
Zwischen republikanischem Widerstand und inneren Interessenkonflikten wird Irland von einem brutalen Bruderkrieg zerrissen.
Im Mittelpunkt der Geschichte stehen zwei Brüder, Damien (ein Landarzt) und Teddy, die eng verbunden sind und sich gemeinsam für die irische Unabhängigkeit einsetzen…
Doch die Ratifizierung des Londoner Vertrags wird sie tief spalten. Getrieben von ihrem Patriotismus entscheidet sich jeder Bruder für eine Seite – und wird so zu erbitterten Gegnern. Eine dramatische Situation, die nur mit Tod enden kann…
Ken Loach stellte sich einer großen Herausforderung: Er wollte vor allem die irische Geschichte in ihren dunkelsten Kapiteln erzählen. Ein heikles Vorhaben, bei dem er „Der Wind erhebt sich“ zu einem aufrüttelnden Film machen wollte, ohne in eine anti-britische Karikatur abzurutschen…
Und das ist ihm gelungen: „Der Wind erhebt sich“ ist weit davon entfernt, ein einseitiges Plädoyer gegen den britischen Imperialismus zu sein, sondern zeigt die Verfehlungen beider Seiten – sowohl der Engländer als auch der Iren.
Um die Grenzen zwischen Vorurteilen zu verwischen, stellt Ken Loach den mörderischen Aktionen der Briten die Gewaltakte irischer Kämpfer gegenüber. So vermeidet er eine einfache Gut-gegen-Böse-Darstellung: Der Konflikt ist komplexer. Engländer und Iren verfallen gleichermaßen Gewalt, Brutalität und Hass. Keine Seite wirkt erstrebenswert, und beide steuern auf ihren Untergang zu.
Ken Loach geht noch weiter und zeigt die Komplexität des Konflikts anhand von Paradoxien…
Damien (Cillian Murphy), ein besonnener und vernünftiger Mann, wird zur universellen Figur des Handelnden, getrieben von seinem Patriotismus und dem Glauben an eine lebensfähige Irische Republik. Im Gegensatz dazu wird sein Bruder (Pádraic Delaney), der anfangs aktiv im bewaffneten Kampf gegen den britischen Imperialismus war, ruhiger, indem er den Vertrag akzeptiert und den diplomatischen Frieden annimmt – trotz des Widerstands seiner radikalsten Mitstreiter.
Der Film kreist ständig um einen kontroversen Diskurs. Ken Loach versucht nicht, den Zuschauer zu manipulieren, sondern liefert die nötigen Informationen, um die Beweggründe der Figuren zu verstehen. Er lässt die Argumente beider Seiten in Dialogen zu Wort kommen, ohne jedoch eine Antwort oder ein Fazit zu geben.
So kann sich der Zuschauer in die Geschichte hineinversetzen und wird vom Film gefesselt. Auf diese Weise verwandelt Ken Loach die irische Geschichte von einer theoretischen Betrachtung in eine gewaltsame und dramatische Realität. Die Figuren schreiben Geschichte, sie sind Geschichte.
Ken Loach wollte den Schleier über die Realität dieser schwierigen Vergangenheit lüften. Sein Ansatz ist intellektuell: Er analysiert die Bestandteile dieses brutalen Bruderkriegs. Was könnte eindrucksvoller sein als die Geschichte von zwei Brüdern, die alles verbindet und doch alles trennt: Teddy, der revolutionäre Anführer einer kleinen Bauerngruppe, und sein Bruder Damien, frisch aus dem Medizinstudium, der sich von den revolutionären Idealen seines Bruders mitreißen lässt.
Ken Loach zeigt hier eine komplexe Ambivalenz: die Dualität zwischen menschlichen Gefühlen und den ideologischen Werten, denen sich Menschen unterordnen, um eine Gemeinschaft zu bewahren – oft auf Kosten des Individuums.
Unbedingt sehenswert!
„Der Wind erhebt sich“ fesselt von Anfang bis Ende. Ideal, um die verschlungenen Pfade der irischen Geschichte zu entdecken, enttäuscht der Film weder Kenner des Genres noch Neulinge, die sonst nicht so politisch geprägte Filme sehen. Jede Szene ist intensiv und emotional aufgeladen: ohne Schnörkel oder pro-republikanische Reden zeichnet Ken Loach ein eindringliches Bild Irlands. Die Schauspieler sind den Herausforderungen gewachsen und tragen den Film durchgehend.
Zudem sind die Fragen, die dieser Konflikt aufwirft, aufgrund ihrer Universalität absolut relevant und unerbittlich. Sie werden den Zuschauer nicht unberührt lassen: Loach setzt auf starke Mittel, die zum Nachdenken anregen. Ist Demokratie unfehlbar? Ist Frieden mehr wert als Freiheit? Wie weit kann ein Mensch für seine Überzeugungen gehen? Antworten gibt es hier keine – Ken Loach vertraut auf die eigenständige Reflexion seines Publikums.
Einziger Wermutstropfen: Die Kameraführung wirkt manchmal etwas unbeholfen, doch Ken Loach betonte später, dass er die technische Perfektion zugunsten des Inhalts zurückgestellt habe.
„Der Wind erhebt sich“ ist also ein Film, den man gesehen haben muss – und immer wieder sehen kann.