Der Leprechaun
Kultur

Der Leprechaun

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Ein Leprechaun, wie er in Irland dargestellt wird - © ink drop

Lange vor dem grünen Kostüm und dem Regenbogen war der Leprechaun ein geheimnisvoller, einsamer Schuhmacher, dessen Hammer in der Nähe alter Ringforts Irlands widerhallte.

Als kleiner, einsamer Schuhmacher, Schatzhüter und Meister darin, Menschen zu täuschen, ist der Leprechaun zu einer der bekanntesten Figuren des irischen Volksglaubens geworden. Sein grünes Kostüm, sein roter Bart und sein Topf am Fuß eines Regenbogens sind heute auf Postkarten, bei Paraden zum St. Patrick’s Day und sogar in Hollywoodfilmen zu sehen.

Diese vertraute Darstellung erzählt jedoch nur einen Teil seiner Geschichte. In den traditionellen Erzählungen ist der Leprechaun weniger heiter, nur selten wie ein Maskottchen gekleidet und weit schwerer zu fassen. Zwischen mittelalterlicher Literatur, ländlichem Volksglauben und Popkultur hat sich sein Bild im Laufe der Jahrhunderte immer wieder gewandelt.

Was ist ein Leprechaun?

Ein einsames Wesen des irischen Volksglaubens

Der Leprechaun, im modernen Irischen leipreachán, gehört zur großen Welt übernatürlicher Wesen, die die Erzählungen Irlands bevölkern. Meist wird er als kleiner, alter, einsamer und besonders verschlagener Mann beschrieben. Seine Hauptbeschäftigung besteht darin, die Schuhe der Feen herzustellen oder zu reparieren.

Das regelmäßige Geräusch seines Hammers soll übrigens das beste Mittel sein, seine Anwesenheit zu erkennen. In zahlreichen Berichten, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts gesammelt wurden, erzählten Bewohner, sie hätten sein Werkzeug in der Nähe eines alten Ringforts, eines einzeln stehenden Baums, eines Erdwalls oder eines Weißdornstrauchs gehört.

Der deutsche Begriff „Kobold“ vermittelt zwar eine Vorstellung davon, ist aber keine perfekte Übersetzung. Der Leprechaun hat eigene Merkmale und darf nicht automatisch mit einem Goblin, einem Wichtel oder anderen Wesen des europäischen Volksglaubens gleichgesetzt werden.

Die Ursprünge des Leprechaun

Die rätselhaften lúchorpáin der mittelalterlichen Erzählungen

Künstlerische Darstellung der Tuatha Dé Danann aus der irischen Mythologie

Darstellung der Tuatha Dé Danann – Nationalmuseet – CC

Entgegen einer häufig wiederholten Behauptung findet sich der erste bekannte Auftritt des Leprechaun nicht im Lebor Gabála Érenn, dem Buch der Eroberungen Irlands. Dieser mittelalterliche Text erzählt von den verschiedenen mythischen Invasionen der Insel, schildert die Geschichte des Leprechaun jedoch nicht in der Form, wie wir sie heute kennen.

Einer seiner ältesten literarischen Vorfahren erscheint in Echtra Fergusa maic Léti, „Das Abenteuer des Fergus, Sohn des Léti“. In dieser mittelalterlichen Erzählung schläft König Fergus am Wasser ein, bevor ihn drei kleine Wesen, die lúchorpáin genannt werden, ins Meer ziehen.

Fergus gelingt es, sie zu fangen. Um ihre Freiheit zu erlangen, gewähren ihm die Wesen drei Wünsche, darunter die Fähigkeit, unter Wasser zu atmen. Diese Wasserwesen entsprechen noch nicht genau dem geizigen Schuhmacher der jüngeren Erzählungen, doch ihr Name und ihre geringe Größe bringen sie dem modernen Leprechaun nahe.

Die Etymologie ist weiterhin umstritten. Der alte Begriff lúchorpán wird oft als „kleiner Körper“ gedeutet. Eine weitere populäre Erklärung bringt das Wort mit dem irischen Ausdruck leath bhrógan in Verbindung, wörtlich „halber Schuh“, und verweist damit auf den Beruf der Figur als Schuhmacher. Dieser zweite Ursprung ist reizvoll, wird jedoch meist eher als volksetymologische Deutung denn als sprachwissenschaftliche Gewissheit betrachtet.

Stammt der Leprechaun von den Tuatha Dé Danann ab?

Eine verbreitete Zuordnung statt einer belegten Abstammung

Die Tuatha Dé Danann nehmen in der irischen Mythologie einen zentralen Platz ein. Sie werden als ein Volk mit außergewöhnlichem Wissen und Kräften dargestellt und von den Milesiern, den mythischen Vorfahren der Gälen, besiegt. Die Erzählungen verbinden sie anschließend mit dem Sídhe, der übernatürlichen Welt, die unter Hügeln und alten Grabhügeln verborgen liegt.

Die Popkultur stellt Leprechauns mitunter als ihre Nachkommen dar. Diese direkte Abstammung wird durch die mittelalterlichen Texte jedoch nicht eindeutig belegt. Sie ergibt sich vielmehr aus der allmählichen Annäherung verschiedener Überlieferungen über irische Feenwesen.

Der Leprechaun gehört somit durchaus zum übernatürlichen Volksglauben Irlands, sollte aber nicht zwangsläufig als Mitglied der Tuatha Dé Danann betrachtet werden. Die mündlichen Überlieferungen unterscheiden sich von Region zu Region und bilden keine einheitliche Mythologie mit unveränderlichen Regeln.

Wie sieht ein Leprechaun aus?

Vom kleinen Mann in Rot zum Maskottchen in Grün

Als Leprechauns verkleidete Teilnehmer bei einem irischen Fest

Als Leprechauns verkleidete Teilnehmer – Garry Knight – CC

Das heutige Bild des Leprechaun beruht auf einem grünen Kostüm, einem roten Bart, einem großen Hut und Schuhen mit Schnallen. Dieses Erscheinungsbild ist jedoch deutlich jüngeren Datums als die traditionellen Erzählungen.

Die alten Beschreibungen unterscheiden sich von Grafschaft zu Grafschaft erheblich. Einige Überlieferungen schreiben ihm einen grünen Mantel und eine rote Mütze zu. Andere stellen ihn ganz in Rot gekleidet dar, mit hellen Kniehosen, einer Lederschürze sowie einem Dreispitz oder einem breitkrempigen Hut.

Ende des 19. Jahrhunderts erklärt William Butler Yeats, dass die einsamen Feen, zu denen er den Leprechaun zählt, gern eine rote Jacke tragen. Feenwesen, die sich in Gruppen bewegen, würden dagegen eher mit Grün assoziiert.

Die Farbe Grün setzte sich nach und nach durch, als sie zum irischen Nationalsymbol wurde und die Feierlichkeiten zum St. Patrick’s Day im Ausland an Bedeutung gewannen. Der große grüne Hut, die goldene Schnalle und der rote Bart gehören daher weitgehend zur kommerziellen Bildwelt des 19. und 20. Jahrhunderts.

Auch die Größe der Figur ist nicht festgelegt. Berichte aus der mündlichen Überlieferung sprechen mal von einem nur wenige Zentimeter großen Wesen, mal von einem kleinen Mann, der die Größe eines Kindes erreichen kann. Die Behauptung, ein Leprechaun sei genau 90 Zentimeter groß, beruht daher auf keiner allgemeinen Regel des Volksglaubens.

Gibt es weibliche Leprechauns?

Eine Figur, die fast immer als Mann dargestellt wird

Traditionelle Erzählungen beschreiben den Leprechaun fast immer als alten Mann. Diese Beständigkeit hat zu der Vorstellung geführt, dass es keine weiblichen Leprechauns gebe.

Der Volksglaube liefert jedoch keine klare Erklärung zur Geburt oder Fortpflanzung dieser Wesen. Geschichten, nach denen ein Leprechaun aus der Verbindung eines Menschen und eines Geistes hervorgegangen sei, stellen keinen allgemein belegten irischen Glauben dar.

Daher ist es zutreffender zu sagen, dass weibliche Leprechauns in den meisten überlieferten Erzählungen nicht vorkommen, als ihre Nichtexistenz als absolute Regel der irischen Mythologie darzustellen.

Warum stellt der Leprechaun Schuhe her?

Der Schuhmacher der Feenwelt

Grüner Hut und Schuhe mit Schnallen, die mit dem modernen Bild des Leprechaun verbunden werden

Die Accessoires des Leprechaun – © TasiPas

In weiten Teilen der mündlichen Überlieferung repariert der Leprechaun die Schuhe der anderen Feen. Geschichtenerzähler erklärten bisweilen, dass die Wesen des Sídhe ihre Schuhe während ihrer langen Tanznächte rasch abnutzten und dem kleinen Schuhmacher damit eine nahezu unerschöpfliche Arbeit bescherten.

Häufig wird er mit nur einem Schuh auf den Knien dargestellt. Unter einem Baum, nahe einem alten Ringfort oder auf einem Pilz sitzend, bearbeitet er das Leder mit einem kleinen Hammer. Das trockene, wiederkehrende Geräusch des Werkzeugs soll seine Anwesenheit verraten, noch bevor ein Wanderer ihn sehen kann.

Dieser Beruf trägt auch zu seiner Abgeschiedenheit bei. Anders als die Feen, die gemeinsam umherziehen und feiern, arbeitet der Leprechaun allein. Yeats ordnet ihn deshalb den „einsamen Feen“ zu, neben anderen Wesen wie dem clurichaun und dem fear dearg.

Ist der Leprechaun immer betrunken?

Eine Verwechslung mit dem Clurichaun

Die alte Beschreibung, nach der der Leprechaun einen Likör namens dudeen im Übermaß trinke, ist falsch. Ein dudeen ist kein Getränk, sondern eine kleine Tonpfeife, die traditionell mit Irland verbunden wird.

Die Figur, die oft als großer Alkoholfreund beschrieben wird, ist vielmehr der clurichaun, eine weitere einsame Fee des irischen Volksglaubens. Er soll Weinkeller aufsuchen, die Wein- oder Whiskeyvorräte schützen, wenn er gut behandelt wird, sie jedoch zerstören, wenn er sich beleidigt fühlt.

Einige Volkskundler betrachteten den Clurichaun als nächtliche Form des Leprechaun. Andere sehen in ihm ein eigenständiges Wesen. Die Grenze zwischen beiden variiert je nach Erzählung, was erklärt, weshalb ihre Merkmale häufig vermischt wurden.

Besitzt der Leprechaun einen Topf voll Gold?

Verborgene Schätze lange vor dem Regenbogen

Die Verbindung zwischen dem Leprechaun und Schätzen ist fest in der irischen Überlieferung verankert. Viele Geschichten erzählen, dass er den Ort kennt, an dem ein Krug, ein Beutel oder ein Topf voller Goldmünzen verborgen ist.

Ein ausreichend schneller Mensch kann versuchen, ihn zu fangen und die Enthüllung seines Verstecks zu verlangen. Der Leprechaun setzt dann List ein, um seine Aufmerksamkeit abzulenken. Er kann vorgeben, dass Gefahr droht, auf etwas hinter seinem Fänger zeigen oder eine Illusion erzeugen. Sobald der Mensch den Blick abwendet, verschwindet das Wesen.

In einer populären Erzählung zwingt ein Mann den Leprechaun, ihm die Stelle zu zeigen, an der sein Gold vergraben ist. Da er keine Schaufel besitzt, bindet er ein Band an die betreffende Pflanze und geht, um seine Werkzeuge zu holen. Bei seiner Rückkehr tragen alle Pflanzen auf dem Feld genau dasselbe Band.

Der Schatz am Fuß des Regenbogens gehört vor allem zur modernen Entwicklung der Legende. Die alten Erzählungen sprechen eher von Gold, das nahe einem Feenfort, unter einem einzeln stehenden Baum oder mitten auf einem Feld vergraben ist. Der Regenbogen, dessen Ende stets unerreichbar bleibt, wurde zur idealen Metapher für einen Reichtum, den man nicht erlangen kann.

Die magischen Beutel des Leprechaun

Münzen, die zurückkehren oder verschwinden

Einige Versionen des Volksglaubens schreiben dem Leprechaun zwei Beutel zu. Der erste soll eine Silbermünze enthalten, die jedes Mal wieder erscheint, wenn sie ausgegeben wird. Der zweite soll eine Goldmünze enthalten, mit der die Person bestochen werden soll, die ihn gefangen hat.

Das Geschenk erweist sich jedoch als trügerisch. Sobald der Leprechaun freigelassen wird, kann sich die Goldmünze in ein Blatt, Asche oder einen wertlosen Gegenstand verwandeln. Diese Details kommen nicht in allen Erzählungen vor, verstärken jedoch einen beständigen Gedanken: Wer ohne Anstrengung reich werden will, wird am Ende oft für seine Gier bestraft.

Der Leprechaun ist also nicht nur ein geiziger Hüter. Er wirkt als Spiegel menschlicher Schwächen. Seine Geschichten stellen Gier, Ungeduld und die Unfähigkeit, ein Versprechen zu halten, auf die Probe.

Ist der Leprechaun freundlich oder gefährlich?

Ein Schalk, den man besser nicht unterschätzt

Der Leprechaun wird im Allgemeinen nicht als tödliches Wesen dargestellt. Er zieht es vor, Menschen zu täuschen, statt ihnen unmittelbar zu schaden. Seine geringe Größe darf jedoch nicht mit Unschuld verwechselt werden.

Er zeigt sich empfindlich, unberechenbar und äußerst geschickt, wenn er entkommen will. Die traditionellen Erzählungen raten dazu, ihn niemals aus den Augen zu lassen und jedem seiner Worte zu misstrauen.

Wie viele irische Feenwesen lässt er sich nicht leicht in die modernen Kategorien von Gut und Böse einordnen. Er kann eine respektvolle Person belohnen, gieriges Verhalten bestrafen oder sich auf Kosten eines allzu neugierigen Passanten amüsieren.

Der Leprechaun und St. Patrick’s Day

Eine neuere, unverzichtbar gewordene Verbindung

Grün gekleidete Teilnehmer bei den Feierlichkeiten zum St. Patrick’s Day

Feierlichkeiten zum St. Patrick’s Day – © Guide Irlande.com

Der Leprechaun hat weder eine direkte Verbindung zum heiligen Patrick noch zum religiösen Ursprung des am 17. März gefeierten Festes. Seine Verbindung mit dem St. Patrick’s Day entwickelte sich erst viel später, insbesondere innerhalb der irischen Gemeinschaften in Nordamerika.

Mit zunehmender Festlichkeit der Paraden etablierte sich die kleine grün gekleidete Figur neben dem Kleeblatt, der Harfe und der irischen Flagge. Sein leicht wiedererkennbares Kostüm machte ihn zu einer idealen Figur für Umzüge, Dekorationen und Werbekampagnen.

Heute ist es üblich, bei den Feierlichkeiten Teilnehmer mit künstlichem rotem Bart, Hut mit Schnalle und grünem Kostüm zu sehen. Diese Darstellung gehört eher zum heutigen Fest als zum ländlichen Volksglauben, aus dem die Figur hervorgegangen ist.

Der Leprechaun kann daher als populäre Ikone Irlands gelten, besitzt jedoch nicht denselben offiziellen oder historischen Status wie die keltische Harfe, das Emblem des irischen Staates.

Der Leprechaun in Literatur und Film

Vom gesammelten Volksglauben zur fiktiven Figur

Im 19. Jahrhundert trugen mehrere Autoren und Volkskundler dazu bei, sein Bild zu prägen. Thomas Crofton Croker sammelte Feengeschichten in Fairy Legends and Traditions of the South of Ireland, das ab 1825 veröffentlicht wurde. Lady Wilde und William Butler Yeats griffen später verschiedene Überlieferungen in ihren eigenen Sammlungen auf.

Diese Werke wirkten an der irischen Kulturbewegung mit und machten die Wesen des Volksglaubens einem breiteren Publikum bekannt. Sie sollten jedoch nicht als Handbücher betrachtet werden, die eine endgültige Version des Leprechaun festlegen: Ihre Autoren wählten die überlieferten Geschichten aus, ordneten sie neu und interpretierten sie.

Das Kino veränderte die Figur anschließend tiefgreifend. In Darby O’Gill and the Little People, einer 1959 von Disney produzierten Produktion, erhält die irische Feenwelt ein familienfreundliches und spektakuläres Erscheinungsbild. Im Gegensatz dazu macht die 1993 gestartete Horrorfilmreihe Leprechaun aus ihm ein tödliches Wesen, das weit von den traditionellen Erzählungen entfernt ist.

Werbung, Fernsehserien, Videospiele und Sportmaskottchen haben die Darstellungen seither vervielfacht. Der moderne Leprechaun ist damit zu einer Mischung aus authentischem Volksglauben, irisch-amerikanischer Vorstellungskraft und kommerzieller Kultur geworden.

Wo lässt sich der Leprechaun-Volksglaube in Irland entdecken?

Das National Leprechaun Museum in Dublin

Das National Leprechaun Museum in Dublin beschränkt sich nicht auf grüne Hüte und Töpfe voll Gold. Es versteht sich vor allem als ein Ort, der irischen Erzählungen, Mythen und mündlichen Überlieferungen gewidmet ist.

Der Besuch besteht aus einem geführten Rundgang mit einem Geschichtenerzähler. Die tagsüber angebotenen Erlebnisse dauern etwa 45 bis 50 Minuten und werden ab sechs Jahren empfohlen. Sie finden vollständig auf Englisch statt; gute Englischkenntnisse im Hörverstehen sind daher erforderlich.

Ein nächtliches Erlebnis namens Darkland erkundet die düsterere Seite des Volksglaubens. Es ist ausschließlich Erwachsenen vorbehalten und muss im Voraus gebucht werden.

Adresse: 2/3 Mary’s Abbey, Dublin 7, D07 X6R.

Besuche am Tag: Abfahrten in der Regel alle 30 Minuten, von 10:30 bis 17:30 Uhr.

Dauer: etwa 45 bis 50 Minuten.

Reservierung: dringend empfohlen, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

Sprache: Führungen auf Englisch; Führungen auf Irisch auf Anfrage möglich.

Offizielle Website: leprechaunmuseum.ie.