Eine Anfang September 2026 bekannt gegebene archäologische Entdeckung könnte unser Wissen über die ersten Bewohner Irlands grundlegend verändern. In acht Höhlen im Südwesten des Landes will ein internationales Team Gravuren, Ocker- und Holzkohlespuren sowie mit den Fingern ausgeführte Markierungen identifiziert haben, die mindestens 15.000 Jahre alt sein könnten.
Sollte sich diese Datierung bestätigen, wären die Spuren rund 5.000 Jahre älter als die bislang allgemein anerkannten frühesten Hinweise auf menschliche Präsenz in Irland. Das von den Forschenden vorgeschlagene Szenario beruht auf der Existenz eines ausgedehnten, heute versunkenen Landgebiets zwischen Wales und dem Südosten Irlands während der letzten Eiszeit.
Acht Höhlen im Südwesten Irlands im Zentrum der Entdeckung
Gravuren und Pigmente werden als prähistorische Kunst gedeutet
Das von dem Forscher George Nash koordinierte Projekt untersucht mögliche Verbindungen zwischen prähistorischen Bevölkerungsgruppen im Süden von Wales und Irland. Um ihre Suche gezielt auszurichten, nutzten die Wissenschaftler ein Computermodell, das mit Daten aus bekannten Höhlen in Wales gespeist wurde. Dadurch konnten im Südwesten Irlands 28 vielversprechende Hohlräume identifiziert werden.
Acht davon lieferten nach Auffassung des Teams Hinweise auf sehr alte Felskunst: in den Fels geritzte Linien, Pigmentspuren, mit den Fingern gezogene Markierungen und mögliche Tierdarstellungen. Zu den erkennbaren Formen zählt insbesondere eine Silhouette, die die Forschenden als Mammut deuten.
Die genauen Standorte der Höhlen werden nicht veröffentlicht. Das Team will Schäden, Plünderungen und einen Besucherandrang an den noch empfindlichen und weiter untersuchten Fundstätten verhindern.
Eine deutlich ältere menschliche Präsenz in Irland als bislang angenommen?
Eine Hypothese, die die bekannte Chronologie um mehrere Jahrtausende zurückverlegen würde
Bisher datierten die ältesten anerkannten Hinweise auf menschliche Präsenz in Irland auf etwa 10.500 Jahre. Die neu in den Höhlen identifizierten Spuren könnten diese Chronologie somit um rund fünf Jahrtausende zurückverlegen.
Diese Interpretation muss jedoch mit Vorsicht betrachtet werden. Die Forschenden sprechen von Befunden, die mindestens 15.000 Jahre alt sein könnten, doch die genaue Tragweite der Entdeckung wird von ergänzenden Analysen und der Bestätigung der Datierungen abhängen. In der prähistorischen Archäologie erfordert die Zuordnung einer Gravur oder eines Pigments zu einer bestimmten Epoche belastbare, sich gegenseitig stützende Belege.
Eine ehemalige Landbrücke zwischen Wales und Irland
Als die Irische See noch nicht ihre heutige Gestalt hatte
Im Mittelpunkt der Hypothese steht der während der letzten Eiszeit deutlich niedrigere Meeresspiegel. Damals könnte ein Teil des heute von Meer bedeckten Meeresbodens trocken gelegen haben. Die Forschenden gehen davon aus, dass ein Land- oder Halblandkorridor die Bewegung zwischen dem heutigen Pembrokeshire in Wales und dem Südosten Irlands, insbesondere in Richtung der Region Rosslare, erleichtert haben könnte.
Diese verschwundene Landschaft könnte aus Ebenen, Grasland und Gebieten bestanden haben, die sich gut für die Wanderungen großer Tiere eigneten. Gruppen von Jägern und Sammlern hätten deren Wanderungen folgen und sich so nach Westen bewegen können.
Warum diese Entdeckung für die Geschichte Irlands wichtig ist
Ein mögliches neues Kapitel der irischen Vorgeschichte
Sollten die Datierungen bestätigt werden, würde diese Entdeckung nicht nur das Datum der Ankunft der ersten Menschen auf der Insel verändern. Sie könnte auch das Verständnis der Archäologen von Austausch, Migration und Mobilität der Jäger-und-Sammler-Gruppen im Nordwesten Europas am Ende der Eiszeit beeinflussen.
Sie würde zudem die Annahme stärken, dass Irland, das oft als spät besiedelte Randregion gilt, viel früher in Mobilitätsnetzwerke eingebunden gewesen sein könnte, die die Britischen Inseln mit dem europäischen Kontinent verbanden.
Weitere Höhlen könnten noch entdeckt werden
Auch Wexford, Waterford und Cork könnten Überraschungen bereithalten
Die Forschenden selbst gehen davon aus, dass die aktuellen Entdeckungen vermutlich erst der Anfang sind. Sollten menschliche Gruppen tatsächlich vom Osten her den Südwesten Irlands erreicht haben, wäre es naheliegend, entlang ihrer Route weitere Spuren zu finden, insbesondere in den Countys Wexford, Waterford oder Cork.
Das archäologische Potenzial könnte daher beträchtlich sein. Weitere Prospektions- und Datierungskampagnen werden nötig sein, um festzustellen, ob diese acht Höhlen Einzelfälle sind oder die ersten Zeugnisse einer weitaus umfassenderen menschlichen Präsenz.
Eine spektakuläre Entdeckung, die noch geprüft wird
Was sich zum jetzigen Zeitpunkt festhalten lässt
Die Ankündigung ist bedeutsam genug, um weit über Irland hinaus Aufmerksamkeit zu erregen, sollte jedoch mit der in der Archäologie üblichen Vorsicht gelesen werden. Die Forschenden haben Spuren identifiziert, die sie für sehr alt und möglicherweise paläolithisch halten. Eine Datierung auf mindestens 15.000 Jahre könnte die bekannte Geschichte der Besiedlung der Insel erheblich zurückverlegen, doch die Arbeiten müssen noch abgesichert werden.
Für Irland steht viel auf dem Spiel: Diese Höhlen könnten einen Blick in eine fast vollständig unbekannte Epoche seiner Menschheitsgeschichte eröffnen – lange vor den Megalithmonumenten, die Fundstätten wie Newgrange oder Loughcrew berühmt gemacht haben.
